Erfolgreicher antifaschistischer & revolutionärer 1. Mai in S-H

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+++ 2000 Antifaschist_innen verhindern NPD-Demonstration in Neumünster +++ Bewegung, Blockaden und Angriffe im gesamten Aufmarschgebiet machen Naziroute unpassierbar +++ Kläglicher Versuch einer unangemeldeten Demo endet für 100 Nazis im Polizeigewahrsam +++ Antirassistische Spontandemo zum Abschiebelager am Haart im Anschluss an Antifa-Aktivitäten +++ Entschlossenen und solidarischen Zusammenspiel antifaschistischer Basisaktivist_innen ist erfolgreicher 1. Mai zu verdanken +++ 300 Teil­neh­mer_in­nen auf re­vo­lu­tio­nä­rer und an­ti­fa­schis­ti­scher 1. Mai-​Vor­a­bend­de­mo in Kiel +++

Naziaufmarsch blockiert – angegriffen – verhindert!

Insgesamt bis zu 2000 Antifaschist_innen insbesondere aus dem autonomen und dem gewerkschaftlichen Spektrum sorgten am 1. Mai 2012 mit zahlreichen Aktionen im direkten Umfeld der angemeldeten Naziroute für die weitestgehende Verhinderung einer NPD-Demonstration. Bereits am Vormittag errichteten etwa 300 Teilnehmer_innen der Gewerkschaftsdemo eine Menschenblockade auf dem Göbenplatz, nachdem sich die Gruppe aus der Gewerkschaftsdemo gelöst und erfolgreich mehrere Polizeiabsperrungen überwunden hatte. Hierzu hatte im Vorfeld das Kieler Jugendbündnis gegen Rechts aus Gewerkschafts- und linken Parteijugenden aufgerufen. An der traditionellen Mai-Demo des DGB beteiligten sich zuvor etwa 700 Menschen.

Eine weitere Blockade von einer ebenso großen Gruppe größtenteils autonomer Antifaschist_innen entstand wenig später auf dem Hansaring Ecke Wasbecker Straße. Diese waren mehrheitlich in zwei Großgruppen mit Zügen aus Hamburg und Kiel angereist und hatten sich nach ihrer Ankunft als Spontandemonstrationen erfolgreich den Weg ins Aufmarschgebiet der NPD bahnen können. Mehrmals kam es dabei zu kurzen Konfrontationen mit der Polizei, die einige Antifaschist__innen durch Knüppelschläge und Einsatz von Pfefferspray verletzte. Parallel fand Nahe der linken Aktion Jugendzentrum (AJZ) in der Friedrichstraße eine Konzertkundgebung der VVN/BdA und der AJZ statt, die unter massiver Polizeipräsenz zu leiden hatte.
Bereits vor dem planmäßigen Aufmarschbeginn war die Route der Nazis somit durch Blockaden und allgemeine Bewegung im Viertel dermaßen verstopft, dass sie nicht mehr passierbar gewesen wäre.

Da der größere Teil der insgesamt nichteinmal 150 Neonazis mutmaßlich in Kenntnis dieser Ausgangslage wider ihrer Anmeldung am Südbahnhof und nicht am Hauptbahnhof aus ihren Zügen stiegen und versuchten, von hieraus eine unangemeldete Ersatzroute durchzusetzen, konnten die antifaschistischen Blockaden bereits am Mittag wieder beendet werden. Ein Großteil der Antifaschist_innen begab sich daraufhin in die Gegend des Südbahnhofs. Durch Unfähigkeit und Selbstüberschätzung scheiterten die gut 100 NPD-Anhänger_innen mit ihrem Unterfangen „Spontandemo“ nach nur wenigen hundert Metern jedoch kläglich, mussten umkehren und wurden nach einer sinnentleerten Sitzblockade schließlich komplett in Gewahrsam genommen. Zuvor kam es zu erfolgreichen Angriffen von militanten Antifaschist_innen auf die Neonazis am Südbahnhof. 30 Neonazis, die sich am offiziellen Auftaktort Postparkplatz versammelt hatten, konnten in Ermangelung eines Versammlungsleiters ebenfalls keine Kundgebung durchführen und wurden polizeilich aus der Stadt eskortiert.

Nach der Verhinderung der Neonazidemo demonstrierten etwa 300 Antifaschist_innen spontan vom Südbahnhof zum „Ausreisezentrum“ am Haart um praktische Kritik auch am staatlichen Rassismus in Form der europäischen Abschottungspolitik sowie der Isolierung von Flüchtlingen in solchen Abschiebelagern zu üben und sich mit den davon betroffenen Menschen zu solidarisieren.

Der Aufruf des Landesweiten Antifa-Bündnis gegen den Naziaufmarsch am 1. Mai in Neumünster „Naziaufmarsch blockieren – angreifen – verhindern!“ ist Realität geworden: Der Entschlossenheit und dem solidarischen Zusammenspiel von antifaschistischen Basis-Aktivist_innen verschiedener Spektren und ihrem direkten Agieren auf der angemeldeten Naziroute ist es zu verdanken, dass der Aufzug der NPD nicht stattfinden konnte. Sie waren es, die zu Blockaden aufgerufen und sie erfolgreich durchgesetzt haben, zu denen sich auch Teile etablierter antifaschistischer Bündnisse nicht hatten durchringen können. Keinesfalls dazu beigetragen haben dagegen die Stadtoberen, die mit ihrem Bürgerfest auf dem Großflecken das zu Recht braune Image Neumünsters übertünchen wollten und die Parteiprominenz aus dem ganzen Bundesgebiet mit ihrem unerträglichen Wahlkampf am anderen Ende der Stadt. Dass zahlreiche Antifaschist_innen zudem nicht nur die Menschenfeindlichkeit der Nazis im Blick hatten, sondern anschließend mit einer Demo zum Abschiebelager auch den sich hier ausdrückenden institutionalisierten Rassismus des deutschen Staates zum Gegenstand der Kritik machten und den hiervon betroffenen Menschen solidarische Grüße ausrichteten, war wichtig.
Insgesamt wurden über den Tag sieben Antifaschist_innen in Gewahrsam genommen, die aber alle am Nachmittag wieder frei waren.

„Ge­schich­te wird ge­macht – Ka­pi­ta­lis­mus zu Ge­schich­te ma­chen!“

Bereits am Vorabend des 1. Mai waren am 30. April 2012 etwa 300 Menschen bei bestem Wetter in Kiel mit einer antifaschistischen und revolutionären Demonstration für die Perspektive einer menschenwürdigen Gesellschaft jenseits der bestehenden Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse auf die Straße gegangen. Um im Vor­feld der Ak­ti­vi­tä­ten gegen den Naziaufmarsch auch ei­ge­ne in­halt­li­che Ak­zen­te rund um den tra­di­tio­nel­len in­ter­na­tio­na­len Kampf­tag der Ar­bei­ter_in­nen­be­we­gung zu set­zen, hatte das An­ti­fa-​Bünd­nis hier­zu unter dem Motto „Ge­schich­te wird ge­macht – Ka­pi­ta­lis­mus zu Ge­schich­te ma­chen!“ auf­ge­ru­fen.

Un­ter­malt von Py­ro­tech­nik und so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren sowie an­ti­fa­schis­ti­schen Pa­ro­len lief die Demo am frü­hen Abend von der Hol­ten­au­er­ Stra­ße durch die Kie­ler Innenstadt bis zur Alten Meie­rei. In sechs ver­schie­de­nen Re­de­bei­trä­gen wurde auf den kri­sen­haf­te Ka­pi­ta­lis­mus und die Mög­lich­kei­ten und Schwie­rig­kei­ten sei­ner Über­win­dung, Neo­na­zis in Schles­wig-​Hol­stein vor und nach der Wahl, die ras­sis­ti­sche EU-​Flücht­lings­po­li­tik, die Mitte Mai be­vor­ste­hen­den Kri­sen­pro­tes­te in Frank­furt und den 1. Mai als in­ter­na­tio­na­len Kampf­tag der Ar­bei­ter_in­nen­be­we­gung für Würde und Eman­zi­pa­ti­on ein­ge­gan­gen. Gegen den Na­zi­auf­marsch in Neu­müns­ter wurde ebenfalls ausgiebig mobilisiert.
In Zei­ten der welt­wei­ten Krise der ka­pi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie den be­droh­lich auf­kei­men­den men­schen­feind­li­chen und au­to­ri­tä­ren Kri­sen­ver­wal­tungs­stra­te­gi­en und ihrer ideo­lo­gi­schen Be­gleit­mu­sik kommt eine emanzipatorische Linke nicht umhin, auch am 1. Mai immer wieder an die Per­spek­ti­ve einer auf den Grund­pfei­lern So­li­da­ri­tät, Gleich­wer­tig­keit und Frei­heit be­dürf­nis­ori­en­tiert wirt­schaf­ten­den Ge­sell­schaft zu er­in­nern. Dies ist in Kiel in diesem Jahr erstmals seit vielen Jahren wieder in eigenständiger Form geschehen.

Im An­schluss an die Demo lie­ßen sich viele Men­schen im Gar­ten der Alten Meie­rei nie­der und in­for­mier­ten sich bei Essen und Ge­trän­ken über den letzten Stand zu den An­ti­fa-​Ak­tio­nen. Danach fand bei bes­ter Stim­mung der Tanz in den Mai zugunsten der von faschistischer Gewalt betroffenen an­ar­chis­ti­schen Schu­le Paideia in Spa­ni­en in der gut ge­füll­ten Alten Meie­rei statt.

Fotos der Demo auf Indymedia

„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“

Insgesamt ist die linksradikale Mobilisierung rund um den 1. Mai in Schleswig-Holstein als in Anbetracht der Möglichkeiten äußerst erfolgreich und den optimistischen Planungen entsprechend zu bewerten. Mit dem Anspruch „Naziaufmarsch verhindern!“ wurde der Mund nicht zu voll genommen und die Mobilisierungs- und Handlungsfähigkeit des Antifa-Bündnis konnte unter Beweis gestellt werden. Der Wehmutstropfen, dass die mediale Berichterstattung zum 1. Mai die linksradikalen Beiträge nahezu komplett ignoriert und den verhinderten Naziaufmarsch als einen Erfolg des von Oben geschmiedeten Runden Tischs für Toleranz und Demokratie, und nicht als den engagierter antifaschistischer Basisaktivist_innen verkauft, war in Anbetracht der städtischen Inszenierung im Vorfeld leider abzusehen und nicht ohne weiteres zu vermeiden gewesen. Nichtsdestotrotz war der 1. Mai 2012 ein äußerst gelungener Tag für die antifaschistische Linke im Norden, an den es auch zukünftig anzuknüpfen gilt. Fettes Dankeschön an alle Beteiligten und gute Besserung den Verletzten!